Für die meisten Hochhäuser macht der Holzbau keinen Sinn, laut Arup Global Head of Timber Andrew Lawrence. "Die Tatsache, dass Holz technisch am besten für niedrigere Gebäude geeignet ist und dort den größten Einfluss auf die Reduzierung von Whole Life Carbon hat, ist leider verloren gegangen." so Andrew im Deezen Interview.

Webb Yates Senior Ingenieur Florence Browning unterschreibt dies, da "Holz allein seine Grenzen hat", wenn es um den Bau von Hochhäusern geht. "Wenn wir das Rennen gegen den Klimawandel gewinnen wollen, muss die Bauindustrie sich damit abfinden, mehr Massivholz in Alltagsgebäuden zu verwenden", laut Browning: "Dennoch hat die Massivholzkonstruktion allein seine Grenzen, und es gibt zahlreiche Gründe, weshalb vom Menschen gemachte Materialien im Hochbau angewandt werden."

Der Trend zu höher, schnell und weiter im Holzbau beruht auf einem Missverständnis

Massivholz ist ein Sammelbegriff für technisch veränderte Holzprodukte, die normalerweise aus verklebten Schichten von Holz bestehen, um starke strukturelle Komponenten zu schaffen. Aktuelle erfreut sich der Holzbau immer größerer Beliebtheit, unter anderem weil Holz viel Kohlenstoffdioxid binden kann. Somit hat der Holzbau einen deutlich niedrigeren Embodied Carbon Wert in kg/CO2e je m² als vergleichbare Stahlbetonkonstruktionen. 

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Ein weltweites Rennen um höhere Holzbauten ist im Gange, wobei die fünf höchsten Holzhochhäuser der Welt alle in den letzten vier Jahren fertiggestellt wurden

Die höchsten Holzgebäude der Welt (Stand April 2023)

  1. Ascent (USA) mit 86,6 Metern, fertiggestellt 2022
  2. Mjøstårnet (Norwegen) mit 85,4 Metern, fertiggestellt 2019
  3. HoHo Wien (Österreich) mit 74 Metern, fertiggestellt 2020
  4. Haut (Niederlande) mit 73 Metern, fertiggestellt 2022
  5. Sara Kulturhus (Schweden) mit 72,8 Metern, fertiggestellt in 2021

Zu den weiteren geplanten Holz Hochhäusern gehören der Atlassian von SHoP Architects und BVN sowie Rocket&Tigerli von Schmidt Hammer Lassen, von denen beide voraussichtlich rekordverdächtige Höhen erreichen werden. Laut Arup Fellow Lawrence ist die Verbreitung von hohen Holzgebäuden jedoch teilweise auf Missverständnisse über die Materialeigenschaften zurückzuführen.

"Wir glauben, dass die Forderung nach einer weit verbreiteten Verwendung von Holz in der Hochhausarchitektur auf einem Missverständnis der wirklichen Vorteile des Materials beruht", so Lawrence: "Holz hat viele Vorteile, aber wir müssen auch daran denken, dass es brennbar und spröde ist. Es ist auch viel leichter und schwächer als andere Baumaterialien", erklärte er und bezog sich dabei auf Beton und Stahl.

Laut Browning führt die geringere Zug- und Biegefestigkeit von Holz zum geringeren Einsatz für hohe Gebäude, da es die Gestaltung von sehr großen Strukturkomponenten erfordert: "Über bestimmte Höhen und Spannweiten hinaus sind die Abmessungen der Holzelemente so groß, dass es unwirtschaftlich wird", so Browning: "Das begrenzt auch die Menge an nutzbarem Raum."

Die massive Holzbauweise eignet sich letztlich für kleinere und komplexere Gebäude.

Hermann Kaufmann: Wir brauchen Pioniere, um vermeintliche Grenzen zu überschreiten

Trotz der Nachteile glauben alle Experten, dass das Rennen um den Bau von immer höheren Holzgebäuden weitergehen wird, da der Reiz von Wettbewerb und Rekorden besteht.: "Ich bin überzeugt, dass niedrigere Holzbauten der richtige Weg nach vorne sind, aber ich gehe davon aus, dass wir weiterhin gelegentlich Holzhochhäuser sehen werden, die um Architektur- oder Ingenieurpreise konkurrieren", so Arup Associate Director Carsten Hein gegenüber Dezeen.

Der Holzbau Pionier Hermann Kaufmann stimmt zu und erklärte, dass der Trend zu hohen Holzbauten nicht verschwinden wird, weil "jeder derjenige sein will, der den Rekord bricht. Das mit dem Weltrekord ist ein bisschen kindisch, aber es ist wie bei allen Dingen im Leben, jeder will derjenige sein, der den Rekord bricht."

Dennoch räumt Kaufmann ein, dass das Rennen um hohe Holzbauten Innovationen vorantreiben und Massivholzprodukten "einen neuen Wert" verleihen kann: "Ich vergleiche den Bau von Holz Hochhäusern mit dem Fahren in der Formel 1: Es ist irgendwie sinnlos, aber letztendlich ist es ein Motor für Innovationen."

Er argumentiert, dass das Testen der strukturellen Grenzen von Holz auf diese Weise zu Innovationen geführt hat, die er vorher nicht für möglich gehalten hätte, und es damit erleichtert, Holz für normale Gebäude zu verwenden.: "Diese Hochhäuser haben Massivholz in neue Dimensionen gebracht, die ich vor 15 Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Wenn man beweist, dass man ein 20-stöckiges Gebäude aus Holz bauen kann, besteht kein Grund mehr über vier- oder fünfstöckige Gebäude und deren Brandschutz zu diskutieren."

Zum Deezen Artikel: Building tall with timber "does not make sense" say experts